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Ian 3

Es gibt so viel zu tun. Nun bin ich seit einigen Tagen von der Insel zurück und wieder dort, wo man mich erwartet, auf mich gewartet hat. Aber ich bin noch nicht dazu gekommen, weiter zu notieren, was meine Tage auf unserer Insel erbracht haben. Ich brauche dieses Schreiben, nicht nur, um mich erinnern zu können, sondern auch, um mir über Vieles Klarheit zu verschaffen. Von Walther habe ich erfahren, dass der Ort, der mein elektronisches Tagebuch beherbergt, gestört, nicht erreichbar ist, so dass, was ich jetzt notiere, dort erst später erscheinen wird. Ach, der arme Walther! Er ist so gestresst, überbeansprucht und durcheinander, dass ich mir ein bisschen Sorgen um ihn mache. Nun muss er sich auch noch um meine Tagebuchwebsite kümmern, wo er doch so viel hinter sich und noch so viel um die Ohren hat. Aber ich habe momentan einfach keine Lust, mich um diesen technischen Kram zu kümmern. Ich stehe ja auch selbst noch zu sehr unter der Wirkung der Eindrücke, die die Insel mir eingeprägt hat. Als ich damals bei den Geschwistern Hansen von der “Freischütz”-Aufführung erfuhr, führte mich diese schon bekannte Information zunächst in eine andere Richtung. Ich dachte an das an diesem Tag startende Liuba-Musikfestival, dachte an uns “Titanen” und an Ian und war plötzlich sicher, dass ich Christian und Ian bei diesem Festival mit “unserer” Musik finden würde. Ich zog los, ein wenig angeschlagen, weil ich meinen Kummer bei den Hansens schon zu ertränken begonnen hatte. Ich kam an, hörte Musik, sah Menschen, suchte und ließ mich treiben. Ich fand weder Ian noch Christian. Als es langsam dunkler wurde, hatte ich schon wieder an einer Bühne mit der Aufschrift “Schattenreich” zu resignieren begonnen. Da bemerkte ich diese seltsamen Typen, die ich Tage vorher mit dem “Freischütz”-Plakat ertappt hatte. Sie sammelten sich neben der Bühne und brachen dann auf, um das Festival zu verlassen. Ich folgte ihnen, beobachtete, wie sie sich außerhalb der Mördergrube in schwarze Kutten hüllten und mit anderen Trupps zusammenrotteten, um dann im Laufschritt Richtung Tinseborg zu traben. Was dort geschah, kann ich nicht wirklich beschreiben, denn es nahm mich zu sehr mit, verwirrte neue Eindrücke mit alten Bildern, die mich in die Zeit unserer Strategiespiele bei den “Titanen” zurückversetzten. Ich witterte Gefahr, Bedrohung für Leib und Leben. Dann sah ich Ian auf dem Plateau eines Stahlrohrturms, der aus der Mitte der Tinseborg hervorragte. Er, offenbar benebelt, willenlos. Um ihn herum Menschen, die irgendetwas mit ihm anstellten. Dann war da plötzlich Bruno neben Ian und begann zu reden, wie er früher immer geredet hatte, mythisch-mythologisches Zeug von Isis, Osiris, Seth und Horus zu einem Publikum aus weißen Gewändern, in das Bewegung kam, als die Rotte mit den schwarzen Kutten hineinstürmte. Als ich auf einmal Adrian erblickte, war das, als schösse in mich die Energie, die ich brauchte, um endlich zu handeln, einzugreifen, zu verhindern. Kurz nach Adrian, der sich zu Ian und Bruno gesellt und laut aus dem “Sonnenhymnus” zu deklamieren begonnen hatte, erklomm ich ebenfalls den Gipfel des Stahlrohrturms, wo ich die drei eigentlich stumm, aber doch irgendwie hitzig diskutierend vorfand, als wären sie Generäle in einer Gefechtspause. Mit mir war plötzlich auch Walther zugegen, und im nächsten Augenblick nahm ein Chaos seinen Lauf, wie ich es noch nicht erlebt hatte und das mir wie die Ankündigung böser Zeiten vorkam. Ich weiß nicht, welche seltsamen Allianzen, welche Vereinbarungen es gibt, die den Umgang der Spieler in diesem Spiel, das ich immer noch nicht verstehe, regeln. In dieser Nacht drohte ich wieder in meinem Schattenreich zu versinken. Erst Tage später kam ich zu mir, gönnte mir Tage der Erholung im Sonnenschein, Tage des Grübelns und Sinnens, wollte ungestört bleiben, lief davon, wenn sich mir jemand näherte, ließ nur Ian immer wieder die Chance, zu erklären und zu berichten, obwohl er eigentlich nichts zu erklären und zu berichten hatte. Wehmütig nahm ich vor ein paar Tagen mal wieder Abschied von unserer Insel, um später festzustellen, wie gut mir die hier vor Ort von Walther und meinem “Direktor” verordnete Therapie tut.

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