Ian 2
Es ist so herrlich hier auf unserer geliebten Insel. Die Sonne scheint, und wenn man ein wenig windgeschützt sitzt, kann man in ihr vergehen, als wäre es schon Sommer. Ja, Frühling oder Sommer, ich weiß auch nicht, warum sich mir die Jahreszeiten aufdrängen, wenn ich versuche, den Lebensabschnitt, in dem ich mich jetzt befinde, zu verorten. Dass ich es überhaupt versuche, liegt natürlich an Ian, meinem Sohn, der recht resolut die Sache angeht, nachdem er erfahren hat, was Sache ist. Ich fühle mich ein wenig zur Seite gedrängt, aber wir werden Seite an Seite agieren. Schon an diesem Wochenende werde ich die Insel wieder verlassen müssen, denn mein “Direktor” und Walther verlangen nach mir. Aber bis dahin habe ich noch ein wenig Zeit, mir über das klar zu werden, was hier auf der Insel in den letzten Tagen und Wochen vorgefallen ist. Auf dem Kutter, der einem Sohn des alten Hansen gehört und der so passend “Medusa” heißt, traf ich im Kielwasser dieser seltsamen Gestalten ein, die die Insel verlassen hatten, um dann doch mit der “Medusa” wieder zu ihr zurückzukehren. Was sollte das? Geleitschutz für einen, der auf die Insel wollte? Um wen ging es? Um Christian? Oder um Ian, den ich im Bauch der “Medusa” plötzlich als meinen Sohn erkannte? Es war ein “epiphanischer” Moment: Neben der Luke, durch die Christian hereingestolpert kam, stand Ian, so dass sie für einen Augenblick nebeneinander standen, ein Gesicht neben dem anderen, ein doppeltes Vexierbild! Ich dachte, Christian und Adrian, dann Adrian und Adrian, dann Adrian und Christian, dann Christian und Christian. Wie ähnlich sie sich alle sehen! Warum war mir das bei Ian nicht aufgefallen, den ich die vielen Tage bzw. Nächte vorher im orgiastischen Getümmel immer wieder gesehen hatte? Ich starrte die beiden an, den einen, den anderen, betäubt, unfähig, mich zu bewegen, bis Ian neben mir stand und mir die Worte ins Ohr flüsterte, die ich nie vergessen werde: “Ich bin Ian, und Du bist meine Mutter, stimmt’s?” In welcher Sprache sprach er eigentlich zu mir? Dann wies er auf Christian und stellte diese Frage, die ich ihm nicht beantworten konnte: “Und der da, ist das mein Vater, oder ist es dieser andere?” Welcher andere? Was wusste er? Ich erinnere mich an diese vermaledeite Walpurgisnacht vor ungezählten Jahren, diese Nacht der “Titanen”, diesen Tanz der Hexen, an Christian und Adrian, an dieses Spiel der plötzlich freigewordenen Kräfte, dem auch Bruno nicht mehr Einhalt gebieten konnte. Ach, Bruno, der damals nur noch zusehen konnte und der es später übernommen hatte, sich um Ian zu kümmern und aus ihm einen neuen “Titanen” zu machen. Im Bauch der “Medusa” schien Ian eigentlich keine weiteren Fragen zu haben. Flüsternd berichtete er mir alles, was er zu wissen schien. Es war weniger ein Bericht als eine Erzählung, die keinen Anfang hatte, aber schön dahinfloss, und die zu keinem Ende geführt werden musste, weil Ians Flüstern schließlich vom Wüten eines Sturms überlagert wurde, der die “Medusa” durchschüttelte, als wolle er ein deutliches Ende des Winters markieren, und der unsere Aufmerksamkeit auf Christian lenkte, der dalag, als sei er gerade auf die Welt gespuckt worden, und der unverständliches Zeug vor sich hin brabbelte. Es war schrecklich! Ein Schrecknis, das sich darin fortsetzte, dass mir beide, Christian und Ian, in der Sturmnacht fürs erste verlorengingen. Am nächsten Morgen versuchte ich es bei Bruno und sonst wo, einen der beiden zu finden. Als ich es schon aufgegeben hatte und bei den Geschwistern Hansen inmitten von Kaffee und Kuchen saß, erfuhr ich schließlich, was ich eigentlich schon wusste, dass nämlich eine Aufführung des “Freischütz” in der Tinseborg anstand. Dieses Stichwort lässt mich für heute enden.

Am 1. April 2007 um 14:40 Uhr
Mann, wer hätte das gedacht - Ibi hatte auch was mit Adrian. War eigentlich Bruno Ians Namensgeber? Zu diesem Vornamen passen ja beide Väter bestens. Mir würde ja Christian besser gefallen. Zum Glück ist das ja heutzutage gar kein Problem mehr, das schnellstens herauszufinden. Aber wie wir Ibi kennen, wird sie das ihrer geneigten Leserschaft wohl nicht verraten.