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Ian

Der Frühling hat begonnen … und wie … und ich bin wohl in meinen eigenen Sommer eingetreten. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, was in den letzten Tagen und Wochen geschehen ist, merke ich, dass immer alles irgendwie anders kommt, als man denkt. Vor Wochen den heutigen Tag gedanklich vorwegnehmend, hätte ich erwartet, mehr zu wissen. Aber was weiß ich jetzt? Ich habe einen Sohn. Unbestritten! Er sieht aus wie ich, und wenn er auch fremdelt (so wie ich nicht umhin kann zu fremdeln), gibt es eine wechselseitige Anziehung und Vertrautheit, die keinen Zweifel zulässt. Und er ist so jung, schön, attraktiv, dass es Momente gab und gibt, in denen ich mich (oder was?) vergessen könnte (und vielleicht auch schon vergessen habe, aber wer will darüber urteilen?). Vor Tagen oder Wochen (wie lange ist es eigentlich her?) hatte ich mich an Brunos Fersen geheftet. Vielleicht hatte er auch mich an seine Fersen geheftet?!? Er ist schlau, ein ausgefuchster, älterer, edler Herr, der die Dinge zu lenken vermag. Ich saß jedenfalls bald in einem Zug, der uns auf unsere Insel brachte. Mal wieder, schon wieder unsere alte, geliebte Insel! Das ging so schnell, dass Walther erschrocken, ja fast ärgerlich reagierte, als ich ihn davon in Kenntnis setzte. Bruno zog es in sein, unser altes Ferienhaus in den Dünen, mich in mein gewohntes Quartier bei den Hansens. Wiedersehensfreude, Gespräche über meine Frisur, über mein Aussehen, meine Gesichtsfarbe, meine Kleidung. Und Feste feiern! Wöchentlich, ja fast täglich! Immer wieder tauchten Menschen auf, die ich bereits zu kennen glaubte oder schon bald kannte. Irgendwann zogen sich die älteren Herrschaften zurück, und übrig blieb eine Schar junger, sinnenfroher Gesellinnen und Gesellen, die es verstanden, den Abenden eine Wendung zu geben, die mich vergessen ließ, dass ein solcher Abend bei den alten Hansens begonnen hatte, und mich an das denken ließ, was ich vormals, vor Wochen, vor Monaten, mit Christian und all den anderen erlebt hatte. Schon bei diesen Gelegenheiten traf, sah, erlebte ich ihn, ohne in ihm den Jungen wiederzuerkennen, den ich im Frühling des letzten Jahres hier auf der Insel in Brunos Gesellschaft erblickt hatte. Im Nebel all der Drogen, die mich berauschten, war er einfach nur ein hübscher Junge, der mich unbewusst an Christian und an Adrian erinnerte, humorvoll, geistreich, galant, erotisch. Die Tage nach solchen Nächten verbrachte ich damit, Bruno zu finden und die Ahnung von dem, was ich als meinen Sohn vermutete und sich schließlich als solcher auch herausstellte. Aber das dauerte ein wenig. Die Insel vibrierte in der Erwartung des Liuba-Musikfestivals, einer mehrere Tage andauernden Open-Air-Veranstaltung, für die man die “Mörderkuhle” in großem Stile hergerichtet hatte. Ach, die Mörderkuhle, die vor einem Jahrhundert entstanden war, als man Sand für den Dammbau benötigt hatte, und die ich so gut kannte, weil wir “Titanen” hier Brunos Strategiespiele gespielt hatten. Jetzt sollte hier dieses Festival stattfinden, und täglich kamen mehr und mehr Menschen auf die Insel, alle so jung wie ich oder jünger. Das änderte das Leben auf der Insel, nahm ihm das rentner- und invalidenhafte Flair, das bei Frühlingsbeginn normalerweise die Insel prägte. Fast hätte ich mich treiben und den ausschweifenden Nächten ebensolche Tage folgen lassen, wäre ich nicht eines Tages zufällig auf einen Trupp von Leuten gestoßen, die Plakate einer “Freischütz”-Aufführung in ihren Händen hielten, um sie, ich weiß nicht, aufzuhängen oder zu entfernen. Als ich sie dabei ertappt hatte, verschwanden sie, aber derart, dass ich ihnen folgen konnte (oder sollte). Am Tag vor der Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche verschlug es mich so auf den Kutter eines Sohns des alten Hansen, der es übernommen hatte, den Besucherstrom auf unsere Insel nicht abebben zu lassen. Das ist jetzt etwa eine Woche her, und seitdem ist mein Leben (schon wieder) eine anderes … Ich höre auf für heute, denn er, dem ich entflohen bin, um in Ruhe nachzudenken, scheint mich wiedergefunden zu haben. Ian! O Gott, ich kann dem nicht entgehen. Schon wieder rückfällig? Ich verschwinde besser …

Eine Reaktion zu “Ian”

  1. Gottlieb

    Ich fasse es nicht!!! Da triffst Du zum ersten mal Deinen Sohn, der ja scheinbar (ich erinnere nur an dieses wenig optimistisch stimmende Zitat) nicht ungefährdet durchs Leben geht, und Du, Ibi, hast nichts besseres zu tun, als die Nächte durchzufeiern, Dich mit diversen Drogen zuzudröhnen und in inzestuösen Phantasien zu schwelgen? Kein Wunder, daß Dein Sohn da ‘fremdelt’. Denn welcher Heranwachsende möchte schon eine Mutter, und das bist Du ja nun schließlich, die sich aufführt, als wäre sie sebst nie der Pubertät entwachsen? Und das diese Hansens ihr Haus für Eure Ausschweifungen hergeben, finde ich höchst irritierend. Irgendwie verstehe ich Dich ja, schließlich hast Du die Zeit des Erwachsenwerdens buchstäblich verschlafen, aber nun solltest Du Dich so langsam am Riemen reißen. Ansonsten sehe ich Euch beide schon beim gemeinsamen Entzug mit anschließender Familientherapie.

    Wem sieht Dein Sohn den nun ähnlich, Adrian oder Christian? Oh Gott, ich befürchte schon Schlimmstes! Und wen zum Teufel meinst Du mit ‘Ian’?

    Den “Freischütz” solltest Du Dir meiner Meinung nach nicht ansehen. Grauenhaft, dieses Gewese um Wolfsschluchten, schwarze Jäger, Vollmond und Geister. Wenn ich nur ‘Durch die Wälder, durch die Auen’ oder ‘Wir winden Dir den Jungfernkranz’ höre, wird mir schon schlecht. Nur dieses ‘Oh, diese Sonne’ ist noch erträglich.

    Wie auch immer, ich bin schon sehr gespannt, wie es weitergeht!

    Grüße von Gottlieb

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